Abgekupfert und aufgedrängt!

Die dubiosen Methoden des „Straßenjournals“

Samstagabend, 20.30 Uhr, ein lauer Spätsommerabend in einem Biergarten einer bekannten Gaststätte in der Osnabrücker Innenstadt. Wir haben uns gerade zu viert gemütlich zusammen gesetzt, als auch schon alle eine Straßenzeitung vor sich auf dem Tisch liegen haben. Jeder eine Ausgabe, ohne sie überhaupt bestellt zu haben.

„Straßenjournal - Diese Zeitung ist vollkommen legal und wird verkauft von Obdachlosen“, lesen wir auf dem Titelbild, dann werden wir sehr bestimmt dazu aufgefordert, die Zeitung auch zu bezahlen. Alle schauen erwartungsvoll auf mich, wissen sie doch, dass ich für die Osnabrücker Straßenzeitung abseits verantwortlich bin. „Nein, das ist definitiv keine Verkaufsmethode von abseits und das hätte für abseits-Verkäufer auch Konsequenzen“, gebe ich zu verstehen. Die abseits-Verkäufer sind bekannt für ihren dezenten, zurückhaltenden Verkauf. Sie dürfen den Kunden die Zeitung nicht in die Hand drücken und dann abkassieren.

Ich erkundige mich bei der „Straßenjournal“-Verkäuferin, woher sie käme und ob es ihr erlaubt sei, ihr Magazin so zu verkaufen. In Hamburg werde ihre Zeitung gedruckt, und mit Hinweis  auf ihren Verkäuferausweis sagt sie, dass das, was sie mache, alles legal sei. Als „Beweismittel“ kaufe ich ihr eine Zeitung ab.

Am nächsten Tag werde ich in der Tageswohnung bzw. in der abseits-Redaktion von aufgebrachten abseits-Verkäufern empfangen. Das Telefon steht nicht still, viele besorgte abseits-Leser wollen von ähnlichen oder von dramatischeren Erlebnissen berichten. Eine „Horde“ von „Straßenjournal“-Verkäufern sei durch die Große Straße gezogen, wäre aggressiv auf Passanten losgegangen und habe versucht, ihre Zeitung um jeden Preis an den Kunden zu bringen.

Die große Sorge der abseits-Verkäufer, dass sie mit den „Straßenjournal“-Verkäufern in einen Topf geworfen oder verwechselt werden und ihr gutes Image, das sie sich über 21 Jahre erarbeitet haben, dadurch beschädigt wird.

Im Gegensatz zu den beschriebenen Fällen warten abseits-Verkäufer bewusst und geduldig darauf, dass interessierte Käufer auf sie zukommen und eine Ausgabe bei ihnen kaufen. Eine der wichtigsten Verkäuferregeln, die auf monatlichen Verkäufersitzungen beschlossen werden, ist, dass Kunden nicht offensiv angesprochen und schon gar nicht zum Kaufen gedrängt werden dürfen. Im ersten Moment beschert das den Verkäufern vielleicht einen „schnellen Euro“, langfristig machen die Leser aber einen großen Bogen um die Verkäufer. Das widerspricht dem erklärten Ziel, abseits langfristig und nachhaltig zu verkaufen und mit den Osnabrücker Bürgern in einen guten Kontakt zu kommen.

Von ähnlichen Schwierigkeiten mit dem „Straßenjournal“ berichten auch die Kollegen von der seit 1994 in Hamburg ansässigen Straßenzeitung Hinz&Kunzt. Die Herausgeber des „Straßenjournals“ hätten sich über das seit 20 Jahren bestehende „Loccumer Abkommen“ hinweggesetzt, das besagt, dass neue Straßenzeitungen nicht in das bestehende Gebiet einer existierenden Straßenzeitung eindringen dürfen. ntenkreissieren.Neben der aggressiven Verkaufsweise sind aber auch die Inhalte des Magazins kritikwürdig. So ist beispielsweise in der Ausgabe, die ich erstanden habe, ein Artikel über „Norddeutschland“ veröffentlicht, der eins zu eins von der Online-Plattform „Wikipedia“ kopiert worden ist. Ein Schlag ins Gesicht jeder engagierten, seriösen Redaktion, die mit Herzblut an jeder neuen Ausgabe mit sozialen Themen arbeitet.

Nun unser Appell an Sie, liebe Leserinnen und Leser: bitte prüfen Sie genau, welche Straßenzeitung Sie kaufen möchten, sowohl inhaltlich als auch bezüglich des Verkaufsverhaltens. Bitte teilen Sie uns weiterhin mit, wenn Ihnen das aggressive Verkaufen vom „Straßenjournal“ aufstößt. Wir sammeln zurzeit noch die Verstöße und planen in Ruhe, wie wir mit geeigneten Mitteln gegen diese Verkaufspraktiken vorgehen können, damit abseits keinen Schaden nimmt. Vielen Dank für Ihre Mithilfe!

Thomas Kater