Warum Frauen eher verarmen als Männer

29. Osnabrücker Sozialkonferenz ermuntert zu mehr Engagement

Eine typisch weibliche Erwerbsbiografie verdeutlich die Ursachen für die Armut von Frauen auf einen Blick: Ausbildung und Beschäftigung in „frauenspezifischen“, eher gering bezahlten Berufen

Unterbrechungen der Berufstätigkeit aufgrund von Eltern- oder Pflegezeiten, Wiedereinstieg in Teilzeit- und Minijobs sowie prekäre Beschäftigungsverhältnisse, die schließlich zu niedrigen Renten führen. 

Diese Ursachen für Frauenarmut sind weitgehend bekannt und unterscheiden sich zumindest teilweise von denen der Armut in vorher gehenden Generationen. Dort mangelte es den Frauen nämlich oft schon an Bildung und Ausbildung. Heute machen mehr Mädchen als Jungen das Abitur, mehr Frauen studieren, und doch verläuft ihr Lebensweg oft deutlich anders als der ihrer männlichen Altersgenossen – und bei zu vielen Frauen führt er in die Armut.

Besonders betroffen seien alleinerziehende Mütter sowie Frauen mit mehr als drei Kindern, so Dr. Esther Schröder von der Arbeitnehmerkammer in Bremen, Hauptreferentin der 29. Osnabrücker Sozialkonferenz (OSK) zum Thema „Armut ist weiblich!“ Immer wieder habe sie in Beratungsgesprächen festgestellt, dass Frauen den beruflichen Wiedereinstieg deutlich unter ihrer Qualifikation und in geringfügiger Beschäftigung ganz selbstverständlich fänden. Von ähnlichen Erfahrungen berichteten auch die Osnabrücker Fachfrauen im zweiten Teil der Veranstaltung: Bettina Belker (Frauenbeauftrage Hochschule Osnabrück) Susanne Franzus, (Personalrätin Stadt Osnabrück), Nicole Verlage (Verdi), Bettina Jacob- Stallforth (Koordinierungsstelle Frau & Betrieb e.V.) Ulrike Pabst und Marion Wenzel (Frauenhaus Osnabrück) sowie Elisabeth Lather (Verband alleinerziehender Mütter und Väter, VAMV). Sie unterstrichen, dass Frauenarmut ein strukturelles Problem sei, geprägt von tradierten Rollenbildern, mangelnder Flexibilität und Bereitschaft bei der Suche nach Lösungen sowie von gesetzlichen und tariflichen Vorgaben. Personalrätin Susanne Franzus nannte ein Beispiel hierfür: Die Reinigungskräfte der Stadt Osnabrück – nur Frauen – sind ausschließlich in der untersten Lohngruppe beschäftigt, obwohl viele ihrer Aufgaben eine andere Eingruppierung erforderten. Aus Sorge um den Arbeitsplatz werde dies aber von den Angestellten akzeptiert. Bettina Belker berichtete von einer Gesetzeslücke, die schon in jungen Jahren dafür sorge, dass Frauen „abgehängt“ würden: Studierende, die ein Kind bekämen und deshalb auf Sozialleistungen angewiesen seien, müssten sich exmatrikulieren, um diese beziehen zu können. Das bedeute aber, dass sie ihren Abschluss nicht machen könnten. Elisabeth Lather berichtete, dass finanzielle Fragen in nahezu allen Beratungsgesprächen im VAMV eine Rolle spielten. Alleinerziehende schienen zudem weder Arbeitgebern noch Vermietern besonders attraktiv. Dabei bedeute Trennung für viele die Notwendigkeit, mehr zu verdienen und eine günstigere Wohnung zu beziehen.

Besonders dramatisch ist derzeit die Situation im Frauenhaus, wie Ulrike Pabst und Marion Wenzel sie schildern: Weil die Bewohnerinnen in Osnabrück keinen bezahlbaren Wohnraum finden, bleiben sie und ihre Kinder länger im Frauenhaus, als es erforderlich wäre „Deshalb müssen wir andere Frauen, die in Notlagen unsere Hilfe suchen, ablehnen.“ Alle Fachfrauen wünschten sich neben mehr Verständnis für die Situation – insbesondere alleinerziehender – Frauen, vor allem strukturelle Verbesserungen, beispielsweise bei Betreuungs- und Arbeitszeiten aber auch mehr Selbstbewusstsein, Solidarität und Aktivität der Frauen selbst. Ihnen fehle es oft an Selbstbewusstsein, andere hätten resigniert oder akzeptierten die derzeitigen Verhältnisse widerspruchslos: „Frauen müssen sich wieder mehr für ihre Belange einsetzen!“, so der Appell.

Worum es geht, zeigt eine Kampagne der Bundesarbeitsgemeinschaft kommunaler Frauenbüros. Sie verdeutlicht auf bissig-humorvolle Art die Gründe für Frauenarmut, rüttelt auf, macht nachdenklich. Die Kampagne klagt dabei nicht die Chefs, Väter oder Politiker an, sondern ermutigt gezielt auch die Frauen selbst, etwas zu verändern. Diese Kampagne könnte auch in Osnabrück ein wichtiges Zukunftsthema in den Fokus der Öffentlichkeit rücken, sind die OSK-Initiatoren überzeugt. Denn auch in den kommenden Jahren wird sich hier wie überall in Deutschland die Frage stellen: „Frauen leben immer länger, aber wovon?“

Beate Nakamura

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