Marie, Praktikum 2018/19: Arzttermine, Kaffekannen, Lebensbeichten

Wohnungslosigkeit, ein Leben auf der Straße- diese Situation ist für die meisten Menschen unvorstellbar. Genau so war es für mich auch. Ich musste noch nie hungern, frieren oder mir Gedanken machen, wo ich die nächste Nacht verbringe. Glücklicherweise sind diese Sorgen für viele Menschen nicht real.

Leider bedeutet das aber auch oft, dass Wohnungslose nicht präsent erscheinen in unserem Alltag.

Während meines dreimonatigen Praktikums in der Tageswohnung für wohnungslose Menschen an der Bramscher Straße habe ich spannende Erfahrungen machen können. In der Zeit habe ich nicht nur viele tolle unterschiedliche Charaktere und neue Sichtweisen kennengelernt, sondern auch tiefgründige Lebensgeschichten und Schicksale, die hinter den Fassaden stecken. Die offene und ehrliche Art der Besucherinnen und Besucher hat mich oft sehr berührt, wie sie sich für mein Leben interessiert und mir gleichzeitig ihre Geschichte anvertraut haben. Ich habe gelernt, dass häufig viel mehr hinter den Menschen in solchen Situationen steckt, als man sich vorstellen kann. Meiner Meinung nach kann durch ein Gespräch und einem offenen Umgang mit Wohnungslosen jeder Einzelne dazu beitragen, dass das Thema eine größere Akzeptanz und Verständnis bekommt.

 Neben vielen langen Gesprächen habe ich auch Bewerbungen geschrieben, Wohnungen mitgesucht, war mit den Besuchern bei Arzt- oder Amtsterminen. Zudem habe ich viel in der Küche mitgeholfen, Artikel für die abseits geschrieben oder war in der Kleiderkammer tätig.

Nebenbei zu erwähnen ist auch, dass ich ein Profi im Kaffee kochen geworden bin und genau weiß, wie viele Kartoffeln jeder Besucher gerne auf seinem Teller angerichtet haben möchte.

Viele Aufgaben, sechs Kilo Süßigkeiten und super nette Kollegen haben dafür gesorgt, dass die Zeit viel zu schnell vergangen ist und ich bleibende Erinnerungen für mein Leben habe, wovon die meisten zugegebenermaßen positiv sind.