Unsere Geschichte: Ein Rückblick auf die Entstehung von abseits

Aus Abseits!? Nr. 4/2010

Wie waren eigentlich die Anfänge von Abseits!? ? Eine Frage, die wir uns, Ina Stark und Dirk Bardelmeier, zum 15. Geburtstag der Straßenzeitung und gleichzeitig der 91. Ausgabe gestellt haben. Um Antworten zu bekommen, treffen wir uns mit dem Initiator Thomas Kater und zwei Redaktionsmitgliedern der (fast) ersten Stunde, Susanne Pruß (ehemals Meyer) und Thomas Osterfeld.

Die Idee, eine Straßenzeitung für Osnabrück herauszugeben, brachte der damals frisch gebackene Dipl. Pädagoge Thomas Kater bereits mit, als er 1994 seine erste Stelle in der Fachberatungsstelle für wohnungslose Menschen des damaligen Sozialdienstes Kath. Männer Osnabrück e.V. begann. Während seiner Diplomarbeit über wohnungslose Menschen in Osnabrück hatte er die Gründung der ersten Straßenzeitungen in Deutschland – BISS in München und Hinz&Kunzt in Hamburg – verfolgt.

Mit der damaligen Anerkennungspraktikantin Ingrid Lambers fand Thomas Kater eine engagierte Mitstreiterin in Sachen Straßenzeitung. Um sie herum bildete sich für die Artikel und die Gestaltung der ersten Ausgabe bereits eine stattliche Gruppe von 16 ehrenamtlichen MitarbeiterInnen, zum großen Teil aus dem Kreis der wohnungslosen und ehemals wohnungslosen Menschen, sowie zehn Verkäufern.

Besonderer Wert wird bei Abseits!? von Beginn an auf den regionalen Bezug gelegt. Zielsetzung und Ausrichtung sind bis heute unverändert. Abseits!? will über soziale Themen informieren, Verständnis für Menschen im sozialen Abseits wecken, Vorurteile gegenüber wohnungslosen Menschen und anderen sozialen Randgruppen abbauen, Selbstwertgefühl und Selbstachtung der Verkäufer stärken, Gespräche und Kontakte zwischen Verkäufern und LeserInnen fördern sowie eine Zuverdienstmöglichkeit bieten.

Auch wenn der Verkauf einer Straßenzeitung in der Regel zur Überbrückung einer Notlage gedacht ist, hat sich im Lauf der Jahre herausgestellt, dass er für einige, die beispielsweise auf dem ersten Arbeitsmarkt kaum oder keine Chancen haben, auch eine längerfristige Unterstützung sein kann. Außerdem trägt er sozusagen als stabilisierende, begleitende Maßnahme zur Erhaltung der sozialen Kontakte zu „Außenstehenden“ bei.

Schnell war damals der Name Abseits!? aus verschiedenen Vorschlägen gefunden. Das Ausrufungszeichen steht für den Skandal, dass Menschen in diesem Land im sozialen Abseits leben müssen, das Fragezeichen steht für die Frage, ob das wirklich so sein muss.

Die örtliche Presse unterstützte die erste Ausgabe mit positiver Berichterstattung. Sie erschien am 29. Juli 1995 mit einer Auflage von 1.000 Stück und war in nur acht Stunden ausverkauft. Heute erscheint Abseits!? in einer Stückzahl von 6.000 bis 10.000 Exemplaren. Das Layout hat sich deutlich verbessert und die Seitenzahl hat sich von anfangs 20 auf 28 Seiten erhöht.

Mit den Presseberichten zum Erscheinen der ersten Ausgabe ging ein Aufruf einher, dass interessierte Menschen herzlich zu ehrenamtlicher Mitarbeit eingeladen sind. Noch bevor die zweite Ausgabe erschien, stießen Susanne Pruß und Thomas Osterfeld zu Abseits!?. Beide sind bis heute noch dabei.

Susanne Pruß schrieb viele Artikel und übernahm mit der Zeit immer mehr Aufgaben in Schriftverkehr und Verwaltung der Straßenzeitung. Was zu Beginn noch ehrenamtlich zu bewerkstelligen war, konnte irgendwann in der Form nicht mehr geleistet werden. Nach einer anfangs geringfügigen Beschäftigung hat Susanne Pruß inzwischen eine halbe Stelle bei Abseits!? und ihre Arbeit zu einem gut funktionierenden Redaktionsbüro ausgebaut.

Wie Susanne Meyer ist auch Thomas Osterfeld immer noch fester Bestandteil der Redaktion. Von Beginn an hat er den Part der Fotos übernommen und entscheidend geprägt. Immer wieder hat er sich mit kreativen und konstruktiven Vorschlägen in die Redaktionsarbeit eingebracht. Seit acht Jahren ist er nun zusätzlich auch für das Layout von Abseits!? verantwortlich. Viele der künstlerischen, grafischen Darstellungen stammen aus seiner Feder.

Alle drei haben in den letzten 15 Jahren ca. 150 ehrenamtliche Redaktionsmitglieder und an die 450 Abseits!?-Verkäufer erlebt. An einer heutigen Ausgabe arbeiten im Durchschnitt etwa 20 MitarbeiterInnen. Zu den Redaktionssitzungen (jeden Dienstag um 14.00 Uhr, außer dem ersten im Monat, weil dann immer eine Verkäufersitzung stattfindet) kommen in der Regel zwischen acht und zwölf engagierte MitstreiterInnen. Das Bemerkenswerte an der Zusammenstellung ist, dass die Redaktion eine Mischung aller Altersgruppen verzeichnen kann (von 16 bis 60 Jahren). Damals wie heute sind interessierte Menschen herzlich zu den Redaktionssitzungen und zur Mitarbeit eingeladen.

 

1995 10 15 ON s     Abs 2010 4-10

li: Osnabrücker Nachrichten 15.10.1995, re: Abseits!? August 2010